Rüstungsforschung im Nationalsozialismus
aus Selbstorganisation, der freien Wissensdatenbank
Maier, Helmut (Hrsg.): Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Organisation, Mobilisierung und Entgrenzung der Technikwissenschaften (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus 3), Wallstein, Göttingen 2002.
Drei Grundgedanken bilden die konzeptionelle Klammer des Sammelbandes: Die Verf. verstehen unter Rüstungsforschung >die gesamte naturwissenschaftlich-technologische Forschung und Entwicklung [...], die der Errichtung eines autarken 'Wehrstaates' diente, dessen konzeptionelle Ursprünge im Ersten Weltkrieg zu suchen sind< (8). Damit gerät neben den >Mutterdisziplinen< Physik, Biologie und Chemie endlich auch die Rolle der Technikwissenschaften vor und während des Faschismus in den Blick der historischen Fachwissenschaft.
Im Abschnitt >Wissenschaftspolitik und Forschungsplanung< wird das Spannungsdreieck Militär, Staat und Industrie anhand von Fallbeispielen diskutiert. Ulrich Marsch betrachtet die industrienahe Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) als >integralen Bestandteil eines deutschen Innovationssystems<, das >erst im Nachgang des Zweiten Weltkrieges mit der Westeinbindung, der Öffnung der Märkte und der Dekartellierung ein Ende< fand (50f). Das gemeinsame Ziel, die Herstellung von Ersatzstoffen, vereinte militärische, kommerzielle und akademische Partikularinteressen. Das Engagement zur Gründung der KWG war >Teil einer kommerziellen Strategie, die Weltmarktposition der deutschen chemischen Industrie durch Synthese von Naturstoffen zu stärken< (18). Rolf-Dieter Müllers Studie über das Heereswaffenamt sowie Ruth Federspiels Untersuchung des Planungsamtes im Reichsforschungsrat geben weiteren Einblick in die Reorganisation der Rüstungsforschung. Während der Einfluss des traditionsreichen Heereswaffenamtes auf die Koordination von Rüstungsforschung und -industrie schwand, wird unter der Federführung von Werner Osenberg erstmals der Versuch unternommen, alle Fachkräfte und Projekte der Rüstungsforschung systematisch zu erfassen und durch neue Organisation zu mobilisieren. Sein Ziel, die Gründung einer Wehrforschungsgemeinschaft, >markiert einen bedeutenden Schritt hin zur interdisziplinären Forschungsplanung< (104).
Im Abschnitt zu >Veränderungen in Industrieforschung und Rüstungsindustrie< illustrieren die Beiträge von Burghard Weiss (AEG), Andreas Zilt (Vereinigte Stahlwerke AG und Kohle und Eisenforschungs GmbH), Kai Handel (Hochfrequenzforschung) und Lutz Budrass (Luftfahrtforschung) industrielle Problemlagen. Vor allem Budrass verdeutlicht die Folgen von Rüstungswettlauf und Wettbewerbssituation. Die enormen Überkapazitäten der Luftfahrtindustrie nach der Aufrüstungsphase führten zu einem Zustand extremer ökonomischer Unsicherheit. Die Luftfahrtindustrie reagierte auf die sich abzeichnende Umstellungskrise, in dem sich >die prominenten großen Luftfahrtindustriellen und -konstrukteure auf einen erbittert geführten rüstungstechnologischen Wettlauf< einließen (21) -- nicht zuletzt für die Zeit nach dem Krieg. -- Anne Sudrows Darstellung über den Einsatz von KZ-Häftlingen auf der >Schuhprüfstrecke< des KZ Sachsenhausen zeigt die Konsequenzen einer organisierten Werkstoffforschung unter den Bedingungen des Nationalsozialismus. KZ-Häftlinge wurden nicht nur in der Luftfahrtmedizin oder bei der Kampfstoffentwicklung zu Opfern >wissenschaftlicher< Forschungen. Auf der Suche nach synthetischen Lederersatzstoffen mussten Häftlinge die Produkte deutscher Großunternehmen auf ihre Tauglichkeit und Materialermüdung testen. Das Kommando >Schuhprüfstrecke< war zugleich ein zermürbendes Strafkommando: >Eine Zuweisung [...] wurde unter den Gefangenen besonders gefürchtet, da sie praktisch einem Todesurteil gleichkam< (241).
Schließlich illustriert der Abschnitt >Institute und Disziplinen< die Einbindung rüstungsrelevanter Forschungseinrichtungen und wissenschaftlicher Gesellschaften in den Rüstungskomplex. Auch hier waren die Rüstungsforscher starker Ideologisierung ausgesetzt. Dieter Hoffmann analysiert anhand des Vorsitzenden der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Carl Ramsauer, den Prozess von Selbstgleichschaltung und -mobilisierung. Es zeigt sich, dass die Rasseideologie der >Deutschen Physik< oder die Heimstoffideologie der >Deutschen Metalle< dort auf Widerstand stieß, wo sie wehrtechnische und rüstungswirtschaftliche Entwicklungen blockierte. Die letztlich problemlose Einbindung der eingespielten Forschungspraxis in die technischen und militärischen Strukturen der faschistischen Gesellschaft fasst Moritz Epple im Ergebnis zusammen, dass die Geschichte der Kriegsforschung am KWI für Strömungsforschung als eine Geschichte der Reibungslosigkeit erzählt werden kann (356).
In der Summe bietet der Band eine differenzierte und facettenreiche Analyse der Wechselwirkungen zwischen Politik, Industrie und anwendungsorientierter Wissenschaft. Inhaltlich liefern die Beiträge keine grundlegend neuen Erkenntnisse, sondern vervollständigen und justieren das bestehende Bild. Es gelingt den Verf. jedoch nicht, den Komplex von Wissenschaft, Technik und Industrie aus der historiographischen Randständigkeit herauszuholen. Dazu wäre es notwendig, die Widersprüche in Rüstungsforschung und Rüstungsindustrie als Transformationsschwierigkeiten einer neuen, sich durchsetzenden kapitalistischen Produktionsweise (Fordismus, Taylorismus) zu interpretieren.
Liest man den Sammelband als Dokumentation des Ringens um neue Steuerungs- und Ordnungsmodelle, werden die z.T. sehr spezifischen und detaillierten Beiträge zu einer spannenden, brisanten Lektüre. Ohne diese Herangehensweise bleibt die historische Einordnung der zuweilen gegenläufigen Tendenzen erschwert und so kommen die Verf. nur zum Befund, >dass nach wie vor kaum generalisierende Aussagen über die Geschichte der Rüstungsforschung möglich sind.< (25) Die wichtige historische Aufarbeitung der Geschichte von Forschungs- und Entwicklungspolitik bleibt auch dann steril, wenn die Kontinuitätslinien in die Gegenwart ausgeblendet werden. Die bis heute undemokratische Verfassung der Wissenschaftsorganisation, die standortideologische Ausrichtung von Forschung und Entwicklung, die marktgerechte Selbstmobilisierung von WissenschaftlerInnen zeigen, dass die Voraussetzungen reibungslosen Sich-Einfügens nach 1945 keineswegs gemindert wurden. Konsequenzen für die auftraggebende Max-Planck-Gesellschaft werden nicht gefordert. Die Beiträge bleiben jenseits jeder Kapitalismuskritik im historiographischen Mainstream. Charakteristisch sind auch Berührungsängste mit marxistischem Denken: >Schon Werner Sombart wies darauf hin, dass die 'Objektivierung des Gewinnstrebens' ein Wesenszug der kapitalistischen Unternehmung sei.< (150) Dies sind Scheuklappen, die schon aus wissenschaftlichen Gründen abgelegt werden müssen, wenn die Mystifikationen einer technikbegeisterten Subkultur nicht durch Kapitalismusgläubigkeit ersetzt werden soll.
Richard Heigl (Regensburg)

