Graswurzel-Uni

aus Selbstorganisation, der freien Wissensdatenbank

Eine neue Art von Konferenz und ein anderes Konzept von Hochschule

"Zur Bewältigung der schwierigen Situation, in die die Menschheit geraten ist, müssen neue Konzepte, Ideen, Einfälle nicht nur auf wissenschaftlichem und technischem, sondern vor allem auf gesellschaftlichem Gebiet gefunden werden", schrieb der Zukunftsforscher Robert Jungk. Er forderte Zeit zum Nachdenken, Entwerfen, Erproben. In seiner Vorstellung sollten Hochschulen Zukunftswerkstätten für eine andere, demokratischere und humanere Gesellschaft sein. Das war 1973 - kurz bevor der weltwirtschaftliche Einbruch den Reformprozess an den Hochschulen zum Erliegen brachte und mit ihm eine tiefgreifende Studienreform.


Jungk kritisierte damals: "In Wahrheit ist die Universität nicht so frei und offen, wie sie sein müßte, sind die Studenten nicht so kreativ, wie sie sein könnten, die Lehrkräfte nicht so informiert und kritikfähig, wie sie sein sollten, steht Zeit durchaus nicht so reichlich zur Verfügung, wie es den Vätern der Universitas einst vorschwebte" - seine Analyse ist noch aktuell.

Was ist die Ursache? Es fehlt am politischen Willen, die notwendigen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Bildungspolitiker aller Parteien fordern zwar landauf, landab "mehr Autonomie" für die Hochschulen, doch hinter dieser Parole, zahlreichen Innovationswettbewerben und milliardenschweren Förderprogrammen stecken nur die gestrigen Allheilmittel Hierarchisierung und Ökonomisierung.

Die eingesessenen Bildungsverwalter glauben und wollen, dass sich Hochschulen mit 10000 bis 70000 Studierenden weiterhin wie patriarchale Familienbetriebe von oben nach unten organisieren und vor allem kontrollieren lassen. Reformentwürfe mit anderen Zielsetzungen bleiben daher in der Schublade. Bereits existierende Reformprojekte werden wegen Unzeitgemäßheit und mangelnder Rentabilität abgeschafft. Die gleichzeitige Forderungen nach neuen Eliten enthüllt dabei die Hilflosigkeit von Funktionsträgern, die es nicht wagen, eine andere Gesellschaft zu denken, als die gegenwärtige.


Die größte Bedrohung für die Freiheit von Forschung und Lehre bleibt jedoch die fortschreitende Durchsetzung der Marktlogik im Wissenschaftsapparat. Mehr Wettbewerb und die Privatisierung des Wissens zerstören die Grundlagen kooperativer Forschung. Sie verleiht jedem wissenschaftlichen Austausch den Charakter von Wirtschaftsspionage. Zudem ist schon heute zu beobachten, dass die Ausrichtung des Studiums auf neue Märkte die Züchtung eintöniger Monokulturen an den Hochschulen nach sich zieht.

Es fehlt an Ansätzen für eine wirklich neue, demokratische Organisation von Forschung und Lehre. Gefragt wäre ein attraktiver Gegenentwurf für eine innere Reform von Hochschulen und Wissenschaft. Vor allem geht es um die Entwicklung eines neuen Betriebsystems: also die Schaffung von Grundregeln und Zielen einer hochkomplexe akademische Öffentlichkeit als Kommunikationsort großer Gruppen.


In der Industrie, im Sozialsektor, bei den Kirchen oder auf kommunaler Ebene hat sich in den letzten Jahren eine Methode der Organisationsentwicklung etabliert, die - ähnlich der Zukunfts- werkstatt Jungks in den 60er Jahren - als Meilenstein der Entfaltung kreativer Energien großer Gruppen gilt. Die Rede ist von Harrison Owens Open-Space-Methode. Open Space ist unkonventionell und weitverbreitet, als Workshop-Methode bewährt und anerkannt. Anders als bei klassischen Konferenzen wird auf strukturelle Vorgaben durch Vorträge verzichtet, die meist nur zu Monologen und Langeweile führen. Owen geht von der Erfahrung aus, dass die interessantesten Gespräche auf Tagungen in der Kaffeepause stattfinden. Wie also läßt sich, so seine Fragestellung, die intensive Interaktion dieser Pausen für eine ganze Konferenz nutzen? Open Space setzt auf eine möglichst große Selbstorganisation und somit auf die freiwillige und aktive Beteiligung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Diese wird dadurch erreicht, dass den Teilnehmern die Verantwortung für den Verlauf der Tagung und die Qualität der Ergebnisse zurückgegeben wird. Owen verzichtete bewusst auf Kontrollfunktionen, die üblicherweise als Innovationshemmer wirken. Es zeigt sich, dass mit verhältnismäßig geringem Aufwand höchst effektive und zielorientierte Tagungen von bis zu 1000 Teilnehmern organisiert werden können. Die Methode Open Space ist eigentlich nichts anderes als die Formulierung von Grundbedingungen effektiver Kommunikation in großen Gruppen.

Als Konferenz-Methode thematisiert Open Space verborgene Ideen und Problemlagen. Sie wird eingesetzt, um notwendige Veränderungsprozesse unter aktiver Mitwirkung aller herbeizuführen. Verhandelt werden komplexe Fragestellungen, deren Lösung nicht bekannt ist und Probleme, auf die schnell reagiert werden muss. Damit eignet sich Open Space zwar nicht für die klassische Vermittlung von Wissen und als Patentrezept zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte, aber es lassen sich Einsichten gewinnen, wie Hochschulen zu wirklichen Kommunikationsorten werden könnten.

Die Praxis dieser Theorie bedeutet sehr einfach: Open Space ist ein Angebot von Raum und Zeit. Jeder Teilnehmer kann zu einem Thema, das ihm besonders unter den Nägeln brennt, einen Arbeitskreis einberufen. Auf diese Weise können Themen "von unten" gesetzt werden. Auf die Hochschulen übertragen bedeutet dies, dass lebendige Hochschulen in erster Linie Freiräume für Eigeninitiative schaffen müssen.


Allein die Erfahrungen mit Studentenstreiks zeigen, dass an Hochschulen ein permanentes Bedürfnis besteht, die eingefahrenen Curricula aufzubrechen und sinnvoll zu verändern. Diese Erfahrung zeigt außerdem, dass es an den Hochschulen zur Regel werden müsste, dass eigenständige Projekte oder Workshops als vollwertige Studienleistung Anerkennung finden. Dies setzt jedoch ein Verständnis von Studierenden voraus, die nicht mehr passiv lernende Halb-Erwachsene, sondern aktiv handelnde Teile des Gesamtprozesses sind. Open Space kennt daher nur ein einziges "Gesetz": Das Gesetz der zwei Füße. Es besagt, dass jeder Teilnehmer das Recht hat, eine Arbeitsgruppe zu verlassen, wenn er das Gefühl hat, in dieser Situation nichts mehr zu lernen oder nichts mehr beitragen zu können. Das ist die wichtigste Regel, denn damit kann jeder über Form und Inhalt mitbestimmen.

Bei Open Space ist diese "Aufmüpfigkeit" das erwünschte Verhalten. Open Space kennt weder "Kunden" noch "Auszubildende". Die konsequente Gleichberechtigung aller Teilnehmer ist das Erfolgsrezept dieser Methode. Nichts ist überholter als die immer wieder reproduzierte Hackordnung an deutschen Hochschulen.

"Wer immer kommt, ist die richtige Person", lautet ein Open-Space-Prinzip. Nicht nur die besten der besten sind gefragt, sondern vor allem diejenigen, die an einer konkreten Situation etwas verändern wollen. Das zieht flache Hierarchien und offenen Zugang nach sich. "Je heterogener die Zusammensetzung, desto kreativer der Prozess", bestätigt die Bernrieder Organisationsentwicklerin Dr. Katharina Petri, die schon seit Jahren gute Erfahrungen mit Open Space sammelt. Ausschlussmechanismen wie Studiengebühren oder Eingangstests sind demnach nicht nur unsozial, sondern auch noch ideenhemmend. In der Situation einer Open Space Konferenz würde sich die verheerenden Effekte des wahllosen Abbaus von zumeist sozialwissenschaftlichen Studiengängen erweisen.


Was bei Open Space als reine Anarchie wirkt, ist nichts anderes als die Grundvoraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Zeit, das selbständige Setzen von Prioritäten und Entwicklung von Fragestellungen. Die hohe Motivation der Teilnehmer bei Open Space Konferenzen rührt daher, dass hier Dinge verhandelt werden, die sie wirklich angehen. "Es gibt nur einen einzigen Weg, der den Mißerfolg einer Open Space Konferenz garantiert", sagt Harrison Owen "und das ist der Versuch, die Kontrolle zu behalten". Fremdbestimmung, die "Lenkung von Studentenströmen" (Bayer. Wissenschaftsminister Zehetmair), erstickt bewusst oder unbewusst Neugier und Eigeninitiative. Die persönliche Verbundenheit ("commitment") mit dem Thema ist neben Zeit und Raum eine zentrale Bedingung für Engagement der Open-Space-Teilnehmer. Die Klage von Studierenden über mangelnden Praxisbezug zielt nicht nur die berufliche Zukunft, sondern stellt auch die generellere Frage: Wozu studieren? Hochschulen, die Schritte in eine andere Gesellschaft, ausloten und auf wissenschaftlicher Basis diskutieren, würden die techokratische Langweile der akademischen Landschaften rasch beenden. Wie attraktiv wäre beispielsweise eine Agenda-21- Uni, die sich in erster Linie mit Nachhaltigkeitskonzepten auseinandersetzt? Zudem versprechen von unten organisierte Hochschulen weniger schwerfällig zu sein. Die Fragen der Studierenden würden zu sozial-ökologischer Forschung führen bevor selbst das Bundesbildungsministerium Handlungsbedarf erkennt.

In diese selbstgesetzten Themen müssten sich die Studierende einarbeiten (das Modell des Projektstudiums wies längst in diese Richtung). Damit vermitteln sich Methodenkenntnisse und -kritik. Während die gegenwärtige Hochschule auf das Individuum setzt und Menschen gegeneinander in Stellung bringt, wäre Gegenstand einer alternativen Hochschule Formen kooperativen Handelns zu entwickeln. Auf einer grundsätzlicheren Ebene gerieten die Folgen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung in den Blick, die dieses kooperative Handeln erfolgreich behindert.


Dabei wird klar, dass der kreative Pool an den Hochschulen ohne eine wirkliche Demokratisierung nicht zu haben ist. Die Übertragung von Verantwortung, die Herstellung transparenter Entscheidungswege und die gemeinsame Erarbeitung von Zielsetzungen ist aber gerade für Leitungsstrukturen sehr ungewohnt und wird häufig als gefährlich empfunden. In der Großindustrie sorgt ein enormer Veränderungsdruck für die Bereitschaft, mit neuen Wegen zu experimentieren - natürlich zur Gewinnmaximierung. Aber an den Hochschulen? Es scheint noch ein weiter Weg zu Hochschulen als wirkliche Lern- und Forschungswelten vor uns zu liegen. Den Reformen der 60er Jahre lag ein Bündnis von ökonomischen und demokratiepolitischen Interessen zugrunde. Heute scheinen Teile der privaten Wirtschaft zähneknirschend eine Trendwende zu vollziehen. Den progressiven Hochschulpolitikern steckt aber noch der Frust und die politische Phantasielosigkeit der neoliberalen 90er in den Knochen. Damit verzichten sie grundlos auf die stärkste Waffe der Linken: auf Modelle, die zeigen, dass eine andere Welt möglich ist. Und so traktiert man die Studierenden weiterhin mit den didaktischen Folterwerkzeugen aus der Rumpelkammer des 19. Jahrhunderts: Verschulung, Studienzeitverkürzung, Druck, Frontalunterricht und "Leistungsanreize".

Eine wirkliche Bildungsreform wird dagegen den lernenden Menschen in den Mittelpunkt stellen. Hier wäre vom Bildungssystem der Finnen viel zu lernen: Dort werden nicht die Kindern den Schulen, sondern die Schulen den Kindern angepasst. Entsprechend muss eine umfassende Reform der Tatsache Rechnung tragen, dass das wirklich kreative Potential einer Gesellschaft nicht bei wenigen Genies und sterilen Eliten, ja nicht einmal nur bei den Hochschulzugangsberechtigten liegt, sondern in der Herstellung der Kommunikation großer, heterogener Gruppen. Methoden wie Open Space könnten Hochschulen nur ergänzen, aber ihre Philosophie könnte eine Grundlage für eine wirklich andere Hochschule sein. Daher bedarf es eines anderen und breiteren Bildungsbegriffs, der menschliches Handeln mit nicht-entfremdeter, "spielerischer" Tätigkeit identifiziert, dem es nicht in erster Linie um die Vermittlung inhaltsleeren Anwendungswissens geht, sondern die Heranbildung von Wahrnehmungs- und Lernstrukturen. "Neben die Lernuniversität würde dann die Projektuniversität treten" (Jungk). Die Voraussetzungen hierfür sind der freie Zugang zu Wissen und die Akzeptanz, dass über die kapitalistische Gesellschaft hinaus gedacht werden darf. Die gegenwärtige Bildungsdebatte modelliert den Menschen wieder einmal als willfähriges Objekt eines anonymen Marktes. Und entpuppt sich damit als unzeitgemäß.

Lit: Owen, Harrison: Open Space Technology. A User's Guide, (2.Aufl.) 1997.

Richard Heigl (2002)

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