Deutsche Gesellschaftsgeschichte
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Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, C. H. Beck, München 2003, (1173 S., Ln., 49,40 €)
Der vorliegende Band setzt ein wichtiges Referenzwerk der sozial-liberalen Geschichtsschreibung fort und liefert den überfälligen Versuch, einen Überblick über das >Deutsche Zeitalter der Extreme< (Hobsbawm) aus Sicht der sog. >Historischen Sozialwissenschaft< zu geben. Verf. greift ordnend in den unüberschaubar umfangreichen Stoff ein und erarbeitet eine Deutung des >Zivilisationsbruchs< von 1933, anhand derer sich Errungenschaften aber auch Widersprüche, Ideologie und politische Zielsetzung der >historischen Sozialwissenschaft< illustrieren lassen.
Den aktuellen Forschungsstand referierend, wendet sich Verf. gegen resistente nationale Geschichtsmythen. Beispielsweise wird die traditionelle Auffassung, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wäre bei den verblendeten Massen auf euphorische Hochstimmung gestoßen, korrigiert: Die wirklichen Massen der städtischen Lohnarbeiterschaft seien gegenüber diesem >bellikosen Rausch< überwiegend resistent geblieben. Dagegen stellt Verf. das Bildungsbürgertum als Urheber und Träger der >Ideen von 1914< in den Vordergrund. Ausführlich werden die zu Beginn des Ersten Weltkrieges hochschießenden imperialistischen Kriegsziele dargestellt. Aussiedlung der russisch-polnischen und nicht zuletzt der jüdischen Bevölkerung, Ansiedlung von Wehrbauern im Osten zur Vorbereitung des nächsten Krieges, Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes mit Deutschland als Hegemon: die sich gegenseitig überbietenden Forderungen von Ministerialbürokratie, Wirtschaftsverbänden, Professoren und rechten politischen Organisationen legen die breite Verwurzelung und die Traditionslinien imperialistisch-rassistischer Politik in der deutschen Geschichte offen, auf die Hitler bauen konnte.
In der enormen Prägewirkung des Totalen Krieges und der Sonderbedingung der deutschen Doppelrevolution des 19. Jahrhunderts sieht Verf. die Voraussetzungen, dass Deutschland als einziges der hochentwickelten Industrieländer den >Zivilisationsbruch< eines >mörderischen Radikalfaschismus< begehen konnte. Mit der Weimarer Republik seien durch die >Marktklassengesellschaft< im Gehäuse der Republik langlebige sozialstrukturelle Prozesse an ihr Ziel gekommen. Gegen diese Modernisierung hätten sich Aversionen in allen Klassen gebildet. In der Zeit nach dem Weltkrieg, der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise sei es zu einer Polarisierung dieser Kräfte in zwei extreme >Erlösungsbewegungen< gekommen, die beide die Klassengesellschaft überwinden wollten: dem Nazismus und der >kommunistischen Diktatur der Proletariats<. >Von allen konkurrierenden Entwürfen erwies sich die Verheißung einer autoritär gelenkten, endgültig pazifierten ‚Volksgemeinschaft' als die verführerischste.< (347) Den NS-Faschismus interpretiert Verf. schließlich mit Max Weber als >charismatische Herrschaft<. Hitler habe die dumpfe Sehnsucht nach einem zweiten Bismarck erfüllt. Um dem Vorwurf der Personalisierung von Geschichte zu entgehen, betont Verf., dass es sich hierbei um eine >soziale Beziehung< zwischen Charismaträger und die ihn tragende -- ihn fordernde -- Gesellschaft handele. (935)
Ansonsten profiliert sich Verf. in erster Linie durch Abgrenzung zu >marxistischen< Interpretationen. Er verweist auf Wahlanalysen, die zeigten, dass eine Massenabwanderung des Kleinbürgertums zur NSDAP nicht stattfand. Ebenso kritisiert er die Überzeichnung des Antifaschismus der Arbeiterklassen. Verf. betont, dass sich die Wählermassen der NSDAP aus allen Bevölkerungsteilen zusammensetzte. Eine Einheit der Arbeiterbewegung als bündnispolitische Alternative war für ihn weder erreichbar, noch hätte sie etwas am Verlauf geändert. Verf. wendet sich gegen >marxistische< Mythen, dass die großbürgerliche Unternehmerschaft Hitler und seine Schergen gekauft habe –- als ob die verschiedenen und vielschichtigen Faschismustheorien innerhalb des Marxismus von Adorno über Gramsci bis Thalheimer auf diese vulgärmarxistische Variante reduzierbar wären. Das Wirtschaftsbürgertum will er damit nicht entlasten, da es mit Sympathie für eine autoritäre Lösung alles nur Mögliche zur Zerstörung der Republik beigetragen habe. >Trotz des atemberaubenden Aufstiegs der Hitler-Bewegung wurde der ‚Führer' nicht durch eine Wählermehrheit, sondern durch die Intrigen einer strategisch postierten Clique aus dem Umfeld der alten Machteliten ins Reichskanzleramt getragen.< (935) Doch selbst wenn durch die jüngere Forschung diverse Überspitzungen korrigiert werden können und Verf. weiß, dass der Faschismus die Klassenunterschiede nicht aufhob und die Lasten ganz unterschiedlich verteilte, so gerät doch aus dem Blick, dass sich die von ihm selbst so bezeichnete faschistische >Gegenrevolution< nicht abstrakt gegen die >Republik< richtete, sondern gegen alle der Aufklärung und Demokratie verpflichteten Kräfte – und hier besonders gegen die Arbeiterbewegung. Wehlers Interpretation zieht fatalerweise die Grenze zwischen Befürwortern des sozialreformerischen bürgerlich-kapitalistischen Parlamentarismus und den Gegnern, deren unterschiedliche Qualitäten er nicht erkennen kann.
Wehlers Variante der Historischen Sozialwissenschaft ist ein Produkt des Kalten Krieges und von einem strikten Antikommunismus gekennzeichnet. Überhaupt ist dieser Band trotz der Einarbeitung jüngerer Forschung wie kaum ein anderes Werk von den Konflikten und Widersprüchen geprägt, unter denen die links-liberale Geschichtsschreibung entstand. Wehlers lediglich urteilende Kritik, seine vermeintlich klaren Thesen und seine streckenweise haltlose Polemik reißen bewusst alle Brücken zu demokratischen Emanzipationsbestrebungen jenseits kapitalistisch-parlamentarischer Ordnungsvorstellungen ein. Dieser Blickwinkel hat erkenntnistheoretische Konsequenzen, da interne Konfliktlagen, Widersprüche, Dissidenten und Entwicklungspotenziale nicht gesehen werden. Absehbar fällt seine Kritik an den Räte-Verfassungen ohne Blick für zukunftsweisende Momente aus. Wehlers Intention ist lediglich zu beweisen, dass sie als politische Verfassungsordnung ein >gefährlicher Rückschritt in das Traumland basisdemokratischer Illusionen< sind, die die Vorzüge der parlamentarischen Demokratie als >überlegenem politischen Ordnungsmodell keinen Augenblick ernsthaft in Frage stellen<. (213) Die revolutionäre Arbeiterbewegung wird erwartungsgemäß den antizivilisatorischen Kräften zugerechnet. In Wehlers Gesellschaftsgeschichte werden so die Übereinstimmungen zwischen Modernisierungsgeschichte und Totalitarismustheorie greifbar. Verf. sieht weder in der Weimarer Republik noch heute sinnvolle alternative Bündniskonstellationen, schlimmer ist jedoch, dass er überhaupt die Veränderlichkeit und Zusammenhang von Mensch und Geschichte nicht denken kann.
Die Darstellung der >charismatische Herrschaft< illustriert, dass Wehler das Verhältnis von Individuellem und Allgemeinen, zwischen Subjekt und Objekt, Historischem und Logischem zu vermitteln sucht, aber letztlich nicht schlüssig klärt. Der Eindruck einzelner Rezensenten (z. B. Ludolf Herbst in HSozuKult v. 23. 10. 2003; Michael Geyer in Zeithistorische Forschungen 1/2004), Verf. hätte sich vom strukturgeschichtlichen Ansatz der traditionellen Politikgeschichte zugewandt, täuscht. In der Frage der Veränderlichkeit der Geschichte kapituliert Verf. pessimistisch vor der Übermacht evolutionistischer Prozesse. Die Zerstörung der Weimarer Republik ist für ihn unvermeidlich. Daher will er nicht auf den neuen Menschen warten –- ihn auch nicht hervorbringen, sondern hält es für realistischer, den >alten Adam im Institutionengefüge des demokratischen Verfassungs- und Rechtsstaats weiterhin zu zähmen<. (213) Auch Wehlers Klassen sind Idealtypen, die nicht als Momente einer Einheit mit Wechselwirkungen nach innen und außen und divergierenden geistig-ideologischen Verarbeitungs- und Diskussionsprozessen verstanden werden. Und so bleiben wenig Spielräume für die komplexen und widersprüchlichen Momente in der Ausbildung von (Gegen-) Hegemonien und historischen Blöcken. Wehlers Fatalismus wird möglicherweise durch die gegenwärtige Erosion des sozial-liberalen Projekts verstärkt, doch gibt es auch ein grundsätzliches, erkenntnistheoretisches Problem: jenseits einer dialektisch-kritischen Theorie treiben ihm die verschiedenen gesellschaftlichen Sphären -- Politik, Kultur, Ökonomie -- immer wieder auseinander und werden zu eigenständigen Kräften, die sich der Gestaltbarkeit entziehen.
Trotz allem bleiben die sozialgeschichtlichen Untersuchungen der Klassengesellschaft lesenswert. Die Umwälzungen durch Fordismus und Taylorismus finden ebenso Berücksichtigung, wie Ausbau und Funktion des Korporatismus und des Interventionsstaates. In diesem Zusammenhang verweist Verf. wiederholt auf die Kontinuitäten der Ideologie der >Volksgemeinschaft< bzw. deren Abwandlung auf die Betriebsebene, die >Werksgemeinschaft<, die eine Überwindung des Klassenkampfs verhieß. Auch Vergessenes fördert Verf. zu Tage, wie z.B. die Fortführung des Russlandfeldzuges nach (!) dem Friedensschluss von Brest-Litowsk.
Wehler will provozieren. Gelungen ist ihm ein in jeder Hinsicht aufwühlendes Buch. Auch ein reiches: reich an Ideen und Kontroversen, an denen es sich abzuarbeiten lohnt. Aber es ist durch eine Vielzahl an inhaltlichen Mängeln, fehlenden Verweisen, Wiederholungen, einem nicht vorhandenem Lektorat und auch von einem emanzipatorischen Standpunkt aus das schwächste dieser Reihe.
Richard Heigl (Regensburg)

