Das Ende der Gesellschaftskritik?

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Ende der Gesellschaftskritik? (Rezension von Werner Seppmann: Das Ende der Gesellschaftskritik? Die „Postmoderne“ als Realität und Ideologie, Köln 2000)


Die so genannte Postmoderne ist seit dem Auftreten ihrer ersten Vertreter (Lyotard, Derrida, Foucault…) linker Kritik und Schelte ausgesetzt. Werner Seppmanns nicht mehr ganz neues Buch über die Postmoderne und ihre Denksysteme wäre da nur ein weiteres Glied in der Kette, hätte er nicht - in der Tradition von Marx stehend - den Versuch unternommen, den Postmodernismus ideologiekritisch zu analysieren. Herausgekommen ist eine Intellektuellenkritik, die zugleich Gesellschaftsanalyse ist. Derartiges Vorgehen lernte Seppmann von dem Sozialphilosophen Leo Kofler, dessen Ideologietheorie buchstäblich ins Zentrum des Buches gerückt wird. Das Ergebnis liest sich großartig. Seppmann versteht es wie kaum ein Zweiter, komplexe Gesellschaftsanalysen zu präsentieren. Die Lebensform der Postmoderne beschreibt Seppmann als permanente Krise, deren Widersprüche repressiv verarbeitet werden. Und dann fährt er schweres Geschütz auf:

Der Postmodernismus ignoriert die überwältigende Existenz des Kapitalismus (überhaupt von Strukturen) als dynamisches Weltsystem und bemüht sich, seine soziale Realität in eine Vielzahl von Diskursen und Machtbeziehungen aufzulösen. Weil diese Weltsicht ein intellektuelles Produkt ist, scheint ihnen die Welt ausschließlich durch das Denken vermittelt. Reale sozio-kulturelle Entwicklungen werden auf geistige Prozesse reduziert. Besonders die angebliche Überholtheit der sozialen Entwicklungsperspektive und die Hinfälligkeit der wissenschaftlichen Wahrheitsorientierung, die das postmodernistische Denken prägen, haben schwerwiegende Folgen, da damit die Errungenschaften der Aufklärung überhaupt in Frage gestellt werden. Und so kann der postmoderne Wissenschaftler nur noch beschreiben, und will nichts erklären. Ausbeutung wird als nicht veränderbar hingenommen und von den realen Machtverhältnissen abgelenkt. Und so fällt schon mal das Wort „Gegenaufklärung“.

Wie kommt das zustande? Seppmann meint, das postmoderne Denken gelangt über den Status eines krisenförmigen Bewusstseins nicht hinaus. Gleichzeitig gerieren sich die 'Postmodernen' als besonders kritisch, da sie glauben, selbst die selbstreflexiven Theorietraditionen marxscher Prägung überwunden zu haben. Das ist bequem: „Der Postmodernismus bietet gerade durch die positive Interpretation der herrschenden Ziel- und Orientierungslosigkeit, in Kombination mit seinem gehalt- und folgenlosem 'Radikalismus‘, der Intelligenz die Möglichkeit, ihr spezifisches Selbstverständnis zu bewahren, d. h. einen historisch gewachsenen Kritikanspruch aufrechtzuerhalten, ohne in Widerspruch zu den herrschenden Wertvorstellungen zu geraten.“ Doch wer nun auf eine produktive Offenheit der postmodernen Ansätze setzte, sieht sich getäuscht. Hier gibt es schlicht ein Definitionsverbot und so kommt die Offenheit sofort wieder an Grenzen, die laut Seppmann von einem geistigen Totalitarismus nicht weit entfernt sind.

Gerade diese Hermetik macht eine Widerlegung postmodernen Denkens äußerst schwierig. Zudem gewinnt das postmoderne Denken durch die Benennung einer Vielzahl drängender Krisenphänomene eine vordergründige Plausibilität.

Der große Vorzug von Seppmanns Auseinandersetzung mit den Theoremen des Postmodernismus ist, dass er versucht, deren Durchsetzungsfähigkeit und Beständigkeit mit den prägenden Sozialerfahrungen und ihrer Verarbeitung zu erklären. Dabei spart er nicht an nachvollziehbarer Polemik, die manchmal zu wenig differenziert, wenn er zum Beispiel verkennt, dass die postmodernen Herangehensweise durchaus detektorische Fähigkeiten entwickelt hat. Die Forschungen über Randgruppen, aber auch die feministische Forschung haben von Michel Foucault wirklich profitiert. Zweifellos steckt die dialektisch-kritischen Theorie wieder einmal in der Krise. Doch für deren Überwindung hat Seppmann den richtigen Weg eingeschlagen.

Richard Heigl (Regensburg)

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