Am Beispiel Leo Koflers

aus Selbstorganisation, der freien Wissensdatenbank

Christoph Jünke (Hrsg.): Am Beispiel Leo Koflers. Marxismus im 20. Jahrhundert, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2001.

Das Werk des Sozialphilosophen Leo Kofler (1907-1995) ist heute weitgehend vergessen. Kofler, der häufig als „marxistischer Einzelgänger" bezeichnet wird, war schon zu Lebzeiten ein politischer Intellektueller, dessen politische Heimat stets zwischen den großen ideologischen Trennlinien der europäischen Linken lag. Vom Austromarxismus herkommend kritisierte er den reformistischen Kurs der Sozialdemokratie ebenso, wie den Stalinismus, vor dessen Schergen er 1950 aus der DDR floh. Zusammen mit Wolfgang Abendroth und Ernst Bloch gehört Kofler zu den wichtigsten Vertretern der linkssozialistischen Denktradition in der frühen Bundesrepublik und wird mehrheitlich dem „westlichen Marxismus" zugerechnet. Kofler hätte das Potential besessen, ein geistiger „Ziehvater" der sich konstituierenden Neuen Linken zu werden, doch blieb sein Einfluss aus verschiedensten Gründen begrenzt. Mit seiner Verwurzelung in der radikalen Arbeiterbewegung und einer an Georg Lukács orientierten Theoriebildung ragt Kofler heute wie ein Solitär aus der linken Theorielandschaft heraus.

Die meisten Beiträge des vorliegende Sammelbandes sind aus einem wissenschaftlichen Kongress der Bochumer Leo-Kofler-Gesellschaft hervorgegangen. In 16 Beiträgen wird versucht, über die Beschäftigung mit dem Werk Koflers zu einer Reflexion der Erfahrungen des Marxismus im 20. Jahrhunderts zu gelangen. Der Band gliedert sich in vier Abschnitte: Im ersten Teil finden sich Analysen und Kommentare zur Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Der zweite Teil thematisiert das schwierige Verhältnis von Marxismus und Anthropologie. Der dritte Teil beinhaltet unterschiedliche Beiträge zu Themen der marxistischen Theorie. Im vierten Teil finden sich Beiträge zur sozialistischen Praxis und den sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, koflerschen Antistalinismus, zu seiner Konzeption der Bildungspolitik und sein Verhältnis zur neuen Linken.

W. F. Haug übernimmt die programmatische Einleitung und reflektiert über Erbe, Aufgaben und Aussichten einer marxistischen Renaissance. Er fordert darin, „historisch-kritisch das Erbe zu sichten und die Denkmittel auszuarbeiten, ohne die es keine Rehabilitierung im Wortsinn der Neubefähigung und Repotenzierung marxistischer Theorie geben wird". Dabei habe nicht eine rein zu haltende Lehre den Primat, sondern ein Projekt.

Als Koflers bedeutenster Beitrag zum „Projekt" kann seine Theorie über den Zusammenhang von Anthropologie und Marxismus gelten, die von G. Brakelmann anschaulich dargelegt wird. Ähnlich den Theoretikern der Frankfurter Schule beschäftigte sich Kofler mit dem Phänomen der Entfremdung und kritisierte die verdinglichten Lebens- und Bewusstseinsformen der kapitalistischen Gesellschaft. Er sah „im Bewusstsein des Menschen die Voraussetzung, die von ihm selbst gemachte Entfremdungs- und Unterdrückungsgeschichte in eine vom selben Menschen zu gestaltende Befreiungsgeschichte zu transformieren." Gerade hier haben der dialektische Ansatz und Koflers anthropologische Sichtweise ihre Sprengkraft bis heute bewahrt. Das gilt besonders für Koflers Ausführungen über Alltagsbe-wusstsein und Sozialpsychologie. Von daher bedauert es H. Krauss, dass bisher keine produktive Kommunikation zwischen Koflers kritisch-humanistischer Marxismusinterpretation und der subjektwissenschaftlichen Konzeption der Kritischen Psychologie zustande gekommen ist.

Koflers Ideologietheorie, die dem Alltagsbewusstsein eine hervorgehobene Rolle beimisst, widmet sich W. Seppmann in seinem Beitrag: „Was heißt heute ‘herrschendes Denken?’". Demzufolge ist die Produktion machtkonformer Denkmuster nicht durch äußere Anordnung organisiert, sondern muss als integraler Bestandteil der Alltagspraxis begriffen werden: „Im Kontrast zur Idee des alten Materialismus vom Menschen als passiven, den ‚objektiven‘ Strukturen unterworfenen Wesen, reflektiert die historisch-dialektische Wirklichkeitswissen-schaft das Verhältnis des Menschen zur Welt als einen Prozess des tätigen und konstituierenden Verhaltens."

Daneben ist auch Koflers Geschichtsauffassung und –methode bis heute von der Zunft nicht zur Kenntnis genommen worden. Anhand Koflers Buch Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (1948) erläutert U. Brieler sehr kenntnisreich dessen Geschichtsauffassung. Koflers dialektisches Geschichtsmodell hatte im historischen Diskurs der Bundesrepublik schlicht keine Chance, obwohl er gerade dadurch wertvolle Einsichten über die Entstehung bürgerlicher Be-wusstseinsformen gewinnen kann.

Insgesamt wird mit dem Sammelband keine Heroisierung Koflers betrieben. Er zeugt vielmehr von einer durchaus lebhaften Auseinandersetzung, in der auch Defizite der Positionen Koflers zur Sprache kommen. Beispielsweise ist Koflers apodiktische Kunsttheorie und Ästhetik, die fast sämtliche Formen der modernen Kunst zurückweist, kaum vermittelbar. W. Korngiebel präsentiert hier eine gelungene Gegenüberstellung von Marcuse, Bloch und Kofler. Er zeigt Überschneidungen und Differenzen ästhetischer Positionen auf, die mit Variationen drei fortgeführte Traditionslinien der Expressionismusdebatte aus den 30er Jahren darstellen.

Koflers Stalinismuskritik markiert nach Jünke „den im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Weltkrieg ersten systematischen Versuch, die stalinistische Theorie mit marxistischen Mitteln zu kritisieren." Der Marxismus wird für Kofler durch drei charakteristische Formen des Stalinismus entstellt: Er eliminiert die Dialektik aus dem Marxismus, der historische Materialismus wird auf einen platten mechanistischen Ökonomismus reduziert und schließlich wird der marxistische Humanismus vergessen, der darauf aus ist, den Menschen aus jeglicher Entfremdung zu befreien. Koflers Hauptverdienst liegt hier nicht in der historischen Analyse des Stalinismus, sondern wiederum in dessen Ideologiekritik, die eine ausführlich methodologischen Kritik des marxistisch-bürokratischen Mechanismus unternimmt. Im selben Beitrag kommt Koflers grunsätzliches Verhältnis zum Stalinismus zur Sprache. Für Jünke stellt sich dieser auf einen reformkommunistischen Standpunkt, dessen politische Zielsetzung ein demokratischer Sozialismus war. Schon Ende der 30er Jahre hatte Kofler die Legitimität der Moskauer Schauprozesse massiv angezweifelt. Jedoch diagnostiziert Jünke eine Positionsverschiebung in den 80er Jahren, die er auf die politische und persönliche Enttäuschung Koflers über das Schicksal der Neuen Linken zurückführt: Kofler sei vom schärfsten Stalinismuskritiker zum Apologeten geworden, der seine ganzen Hoffnungen auf eine Entstalinisierung von oben setzt, die deutlich erziehungsdiktatorische Züge annimmt.

Eine ähnliche Position nimmt R. Kößler ein, der die in der Linken verbreiteten These vom „asiatischen" Russland widerlegt. Asiatische Despotie und der orientalischen Despotie, waren bei Kofler vor allem in den letzten Jahren seines Lebens angeklungen. Kößler verweist auf die Schwierigkeiten und Aporien, mit denen ein Vertreter der marxistischen Tradition zu kämpfen hatte, wenn er zu einer realistischen Einschätzung der Sowjetunion kommen wollte. Die despotischen Züge des Sowjetsystems deutet Kößler als strukturelle Merkmale der gesellschaftli-chen Moderne.

Jünkes zweiter Beitrag über das Verhältnis von Kofler und Neuer Linker beendet die Aufsatzsammlung. Hier findet sich eine erste Darstellung der Kontakte zum SDS, sein ehrgeiziger Versuch, eine zu den Frankfurtern alternative Gesellschaftstheorie auszuarbeiten, oder seine Kritik an den Alternativen. Jünke wendet sich hier auch Koflers nicht unproblematischer Theorie der progressiven Elite zu.

Blickt man also hinter die „altlinke" Fassade, so lassen sich in Koflers Werk noch wertvolle Anknüpfungspunkte finden, die geeignet sind, wichtige Impulse für Wissenschaft und Politik zu geben. Der Sammelband zum einen Dokument einer Neuaufnahme Koflerscher Ideen und zum anderen ein Beitrag zur Historisierung einer spezifischen Generation linkssozialistischer Intellektueller. Eine Aktualisierung von Koflers Ansätzen steht noch immer aus.

Richard Heigl (Regensburg)

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